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Hitze steht auf keinem Totenschein

Gerhard Feilmayr, 09.08.2026

Die AGES hat für den Juni 2026 rund 395 hitzeassoziierte Todesfälle geschätzt. Das ist der höchste Juni-Wert seit Beginn vergleichbarer Auswertungen im Jahr 2017. Im Juni des Vorjahres waren es 170. Erstmals wurde diese Schätzung nicht im Herbst nachgereicht, sondern noch während der laufenden Saison veröffentlicht.

Auf den Totenscheinen dieser Menschen steht nichts von Hitze. Dort steht Herzversagen, Nierenversagen, Lungenversagen. Hitze ist keine Todesursache, die man ankreuzt, sondern ein Faktor, der bestehende Erkrankungen zum Kippen bringt. Sichtbar wird sie nur als Differenz zwischen den tatsächlichen und den statistisch erwartbaren Sterbefällen.

Das ist mehr als ein Erfassungsdetail. Was nicht dokumentiert wird, wird auch nicht adressiert.

Der Hebel liegt in der Hausapotheke

Wer bei Hitze stirbt, ist selten gesund und einfach überhitzt. Es sind alte, chronisch kranke Menschen, und fast alle von ihnen nehmen täglich mehrere Medikamente.

Genau dort liegt die Schnittstelle. Die Österreichische Apothekerkammer weist ausdrücklich darauf hin, dass Hitze die Wirkung von Medikamenten verändern kann, weil hohe Temperaturen beeinflussen, wie Arzneimittel aufgenommen und abgebaut werden. Zwei Wirkungen sind dabei besonders heikel. Entwässernde Mittel verstärken den Flüssigkeitsverlust, den der Körper bei 38 Grad ohnehin hat. Und eine Reihe verbreiteter Präparate dämpft das Durstgefühl oder die Schweißproduktion, also genau die Mechanismen, mit denen sich der Körper kühlt und rechtzeitig warnt. Jedes dieser Mittel ist für sich unbedenklich und millionenfach verordnet. Dazu kommen Substanzen, die in die Temperaturregulation im Gehirn eingreifen. Die Hitze wirkt als zusätzlicher Faktor obendrauf.

Keine dieser Erkenntnisse ist neu. Und keine ist strittig.

Das eigentliche Problem ist kein Wissensproblem

Die Österreichische Apothekerkammer hat 2025 einen Beratungsleitfaden zum Umgang mit Hitze und Medikamenten an alle 1.470 öffentlichen Apotheken des Landes ausgegeben. Die Ärztekammer hat bereits 2022 ein Fachbuch zum Thema an nahezu 50.000 Ärzt:innen verschickt. Das Material ist also nicht knapp. Es ist flächendeckend vorhanden.

Trotzdem findet die Medikationsprüfung bei Hitze in der Breite nicht statt. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil sie kein Prozess ist. Sie ist niemandem verbindlich zugeordnet. Sie hat keinen definierten Auslöser. Und sie konkurriert in der Ordination mit einer Konsultationsdauer, die international vielerorts bei etwa fünf Minuten liegt.

Damit ist Hitze ein präziser Testfall für ein allgemeineres Muster. Verfügbares Wissen und angewandtes Wissen sind zwei verschiedene Dinge, und die Lücke dazwischen wird nicht durch mehr Information geschlossen. Ein Leitfaden im Regal ändert nichts an einem Dienstagnachmittag mit vollem Wartezimmer. Was den Unterschied macht, ist die Frage, ob eine Entscheidung im richtigen Moment abrufbar ist.

Das ist der Grund, warum wir Fortbildung nicht als Wissensvermittlung verstehen, sondern als Entscheidungstraining. Wissen ist heute in Sekunden verfügbar. Knapp ist nicht die Information, sondern der Moment, in dem sie zur Handlung wird.

Arzneimitteltherapiesicherheit ist der stillste Bereich der Medizin. Sie funktioniert über Routinen, die niemand bemerkt: ein Anruf, eine Dosisanpassung, eine Frage an der Tara. Hitze macht aus dieser stillen Aufgabe eine dringende.

Quellen: AGES / BMASGPK, Zwischenauswertung Juni 2026. Österreichische Apothekerkammer, Beratungsleitfaden 2025, basierend auf der adaptierten Heidelberger Hitzetabelle. Lapi F et al., BMJ 2013;346:e8525. Dreischulte T et al., Kidney Int 2015;88:396–403.