Bis zu 200.000 Spitalsaufenthalte pro Jahr in Österreich. Die Hälfte davon vermeidbar. Und niemand nennt es Prävention.
Vor wenigen Tagen hat die FOPI, der Verband der forschenden Pharmaunternehmen, eine wichtige Frage gestellt: Investiert Österreich genug in Prävention? Die Zahlen dahinter sind ernüchternd. Nur rund 4 % der gesamten Gesundheitsausgaben fließen in Prävention und öffentliche Gesundheit. Rund 29 % aller Todesfälle sind auf vermeidbare Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, ungesunde Ernährung oder Bewegungsmangel zurückzuführen.
Eine berechtigte Frage also. Ich möchte sie um eine zweite ergänzen: Warum zählt die wirksamste Prävention in dieser Debatte nicht als Prävention?
Was wir Prävention nennen und was wir dabei vergessen
Wenn in Österreich über Prävention diskutiert wird, geht es um Impfquoten, Vorsorgeuntersuchungen und gesunden Lebensstil. Alles wichtig, alles richtig. Doch in dieser Debatte fehlt ein Bereich, der täglich über Behandlungsqualität und Patientensicherheit entscheidet.
Medikationsfehler verursachen in Österreich bis zu 200.000 Spitalsaufenthalte pro Jahr und Kosten von rund 570 Millionen Euro. Europaweit sterben jährlich über 160.000 Menschen an den Folgen. Und die WHO schätzt: Die Hälfte dieser Fehler wäre vermeidbar.
Vermeidbar. Das ist die Definition von Prävention.
Jede angepasste Dosierung. Jede vermiedene Fehlanwendung. Jede erkannte Wechselwirkung. All das verhindert Schäden, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle. Es findet täglich statt, in jedem Krankenhaus, jeder Ordination, jeder Apotheke. Nur hat diese Form der Prävention kein Budget, keine Kampagne und keinen Platz in der öffentlichen Debatte.
Das eigentliche Problem heißt Komplexität
Rund 9.300 Arzneimittel stehen in Österreich zur Verfügung, jedes Jahr kommen etwa 100 dazu. Neue Wirkmechanismen, neue Kombinationstherapien, neue Warnhinweise. Die Zahl möglicher Wechselwirkungen wächst damit schneller, als sie sich im klinischen Alltag präsent halten lässt.
Gleichzeitig arbeiten Ärzt:innen, Pharmazeut:innen und Pflegekräfte unter erheblichem Zeitdruck. Das Problem ist weder fehlendes Engagement noch mangelnde Kompetenz. Die Herausforderung besteht darin, aktuelles Arzneimittelwissen im entscheidenden Moment sicher anwenden zu können.
Genau hier zeigt sich die Lücke im österreichischen Präventionsverständnis: Wir investieren in die Entwicklung neuer Therapien und in klassische Vorsorge. In die strukturierte Vermittlung und das kontinuierliche Training von Arzneimittelwissen investieren wir vergleichsweise wenig. Dabei entscheidet genau dieses Wissen darüber, ob Therapien ihr Potenzial beim Patienten entfalten oder Schaden anrichten.
Investition in Wissen wirkt. Das ist belegt.
Eine Studie aus Uppsala zeigt, was systematische Medikamenten-Expertise bewirkt: 16 Prozent weniger Spitalsaufnahmen. 47 Prozent weniger Intensivverlegungen. 80 Prozent weniger Wiederaufnahmen.
Das sind Präventionseffekte in einer Größenordnung, die in der öffentlichen Debatte in Österreich bisher keine Rolle spielt. Erzielt nicht durch neue Medikamente, sondern durch das richtige Wissen im richtigen Moment.
Genau an diesem Punkt setzen wir mit MEDCH an. Unser medizinisch-pharmazeutisches Team entwickelt reale Fallbeispiele, an denen Ärzt:innen, Pharmazeut:innen und Pflegekräfte den sicheren Umgang mit Arzneimitteln trainieren. Rund 1.800 Fallvinetten, wenige Minuten pro Tag, direkt im (Berufs)-Alltag. Nach demselben Prinzip, mit dem Pilot:innen im Simulator trainieren: Entscheidungen üben, bevor sie zählen.
Prävention weiterdenken
Arzneimitteltherapiesicherheit ist kein Randthema der Versorgung. Sie ist Prävention im Kern. Die Frage ist nicht nur, ob Österreich genug in Prävention investiert. Die Frage ist auch, ob wir ausreichend in die sichere Anwendung der Medikamente investieren, die wir täglich verordnen, abgeben und verabreichen.
Denn die wirksamste Prävention ist manchmal nicht die, die Krankheit verhindert. Sondern die, die vermeidbaren Schaden verhindert.
Wir danken der FOPI für den Anstoß zu dieser Debatte. Führen wir sie we