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Wie viel Wahrheit steckt in Fachanzeigen?

Gerhard Feilmayr, 13.08.2025

Zwischen Aussagekraft und Auslassung – Wie vollständig sind Fachanzeigen wirklich?
Arzneimittelkommunikation im medizinischen Alltag ist geprägt von Geschwindigkeit, Routine und wachsendem Informationsdruck. Umso wichtiger ist es, dass die verfügbaren Informationen präzise, differenziert und vollständig sind – besonders wenn sie als Grundlage für therapeutische Entscheidungen dienen. Fachanzeigen nehmen hier eine zentrale Rolle ein. Sie vermitteln auf den ersten Blick eine klare Botschaft: überzeugende Wirksamkeit, gute Verträglichkeit, einfache Anwendung. Doch was fehlt?

Einseitige Kommunikation mit System
Analysen zeigen, dass Fachanzeigen häufig ein verzerrtes Bild der Realität zeichnen. Während positive Ergebnisse prominent dargestellt werden, bleiben potenzielle Risiken, methodische Schwächen oder alternative Interpretationen der Studiendaten im Hintergrund – wenn sie überhaupt erwähnt werden. Gerade bei komplexen Indikationen oder neuen Wirkstoffklassen ist das problematisch: Denn dort, wo Unsicherheit herrscht, ist Transparenz besonders entscheidend.

Das Problem liegt weniger in der Unrichtigkeit einzelner Aussagen – sondern in ihrer Unvollständigkeit. Was nicht gesagt wird, wiegt oft schwerer als das, was betont wird. Ärzt:innen und Pharmazeut:innen bleiben dadurch mit wichtigen Fragen allein: Wie belastbar sind die zitierten Daten? Welche Patientengruppen wurden ausgeschlossen? Wie steht das neue Präparat im Vergleich zur bestehenden Standardtherapie da?

Transparenz ist kein Zusatznutzen – sondern Pflicht
Zwar existieren rechtliche Regelungen und Selbstverpflichtungen der Industrie (z. B. EFPIA-Kodex, AMG, HWG), die eine sachliche und ausgewogene Darstellung verlangen. Doch in der Praxis sind diese Vorgaben nur schwer zu überprüfen. Formulierungen wie „gut verträglich“ oder „schneller Wirkungseintritt“ lassen sich schwer quantifizieren – und noch schwerer im klinischen Alltag verifizieren.

Dabei ist klar: Für eine sichere und rationale Arzneimittelanwendung genügt es nicht, nur die Vorteile zu kommunizieren. Wer Risiken und Grenzen verschweigt, gefährdet nicht nur die Qualität der Therapieentscheidung, sondern langfristig auch das Vertrauen in die pharmazeutische Kommunikation insgesamt.

Ein neuer Weg: Lernformate mit Substanz
Gerade in einer Zeit, in der medizinisches Fachpersonal täglich mit einer Flut an Informationen konfrontiert ist, braucht es neue Formen der Wissensvermittlung: kompakt, evidenzbasiert, interaktiv und unabhängig. Genau hier setzt MEDCH an: Als digitale Lernplattform bietet MEDCH fallbasierte Module, die reale Entscheidungssituationen im klinischen Alltag simulieren. Die Inhalte orientieren sich nicht an Verkaufszielen, sondern an medizinischer Relevanz und sind didaktisch so aufgebaut, dass sie auch unter Zeitdruck nutzbar bleiben.

Fazit: Gute Kommunikation beginnt mit vollständiger Information
Fachanzeigen sind und bleiben ein wichtiges Mittel der Information. Doch sie können den Bedarf an kritischer Auseinandersetzung, kontextbezogenem Wissen und interaktiver Anwendung nicht allein decken. Es braucht neue Formate, die über Marketing hinausgehen – und eine Informationskultur, die Verantwortung ernst nimmt.

MEDCH versteht sich dabei nicht als Alternative zur Industrie – sondern als Ergänzung für mehr Qualität, mehr Wissen und mehr Sicherheit in der Arzneimittelanwendung.


Quellenverzeichnis:
1. Spurling, G. K. et al. (2010). Information from pharmaceutical companies and the quality, quantity, and cost of physicians' prescribing: a systematic review. PLoS Medicine, 7(10), e1000352.
→ Zeigt den Einfluss einseitiger Industrieinformationen auf Verschreibungsverhalten und Qualität therapeutischer Entscheidungen.

 2. Villanueva, P. et al. (2003). Accuracy of pharmaceutical advertisements in medical journals. The Lancet, 361(9351), 27–32.
→ Internationale Analyse zur Vollständigkeit und Aussagekraft von Fachanzeigen.

3.Moynihan, R. et al. (2000). Coverage by the news media of the benefits and risks of medications. New England Journal of Medicine, 342(22), 1645–1650.
→ Zeigt auf, wie sowohl Werbung als auch mediale Berichterstattung systematisch Risiken unterbewerten.

4. EFPIA Code of Practice (2021). European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations.
→ Legt Anforderungen an Transparenz und Sachlichkeit in der Kommunikation durch Mitgliedsunternehmen fest.

5. §6 Arzneimittelgesetz (AMG, Österreich)
→ Bestimmungen zur sachlichen und objektiven Information über Arzneimittel in der Fachkreiskommunikation.

6. §3 Heilmittelwerbegesetz (HWG, Deutschland)
→ Verbot irreführender Werbung und Vorschriften zur Vollständigkeit medizinischer Werbeaussagen.

7.  Internes Screening durch MEDCH-Redaktion (2024–2025)
→ Systematische Sichtung von Fachanzeigen und Außendienstmaterialien im Rahmen der didaktischen Formatentwicklung.